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©Adobe Stock/2rogan, BillionPhotos.com
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11.05.26 | „Politik darf nicht nur Ziele formulieren, sondern muss auch Lieferfähigkeit beweisen“


Wie kann Deutschland wirtschaftlich wieder Tempo aufnehmen? Im exklusiven Interview spricht Julian Joswig, MdB (Bündnis 90/Die Grünen), über die größten wirtschaftspolitischen Versäumnisse der Bundesregierung, was Politik aus der Start-up-Welt lernen kann und warum Planungssicherheit und schnellere Entscheidungen jetzt entscheidend für den Standort Deutschland sind.

©Frederik Meißner

„Die Bundesregierung sendet zu oft widersprüchliche Signale.“

Sie gehören zu einer jüngeren Generation im Bundestag. Hat sich Ihr Blick auf Politik verändert, seit Sie selbst Teil des Parlaments sind – und wie prägt das Ihre Sicht auf manche Themen?

Ja, mein Blick hat sich verändert, weil Politik im Bundestag noch einmal unmittelbarer, härter und zugleich konkreter ist. Man sieht viel deutlicher, wie sehr gute Entscheidungen von Verlässlichkeit, Mehrheiten und sauberer Umsetzung abhängen, und dass abstrakte Debatten am Ende immer sehr konkrete Folgen für Menschen, Unternehmen und Kommunen haben. Gerade als jemand, der aus Wirtschaft und Beratung kommt, prägt mich heute noch stärker der Gedanke, dass Politik nicht nur Ziele formulieren darf, sondern auch Lieferfähigkeit beweisen muss.

Sie waren vor Ihrem Bundestagsmandat 2025 in der Unternehmensberatung und im Umfeld von Klimatechnologie-Start-ups tätig. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit prägen heute Ihren Blick auf Wirtschaftspolitik am stärksten?

Aus der Unternehmensberatung nehme ich vor allem mit, wie wichtig klare Prioritäten, Tempo und belastbare Entscheidungsprozesse sind. Aus dem Start-up-Umfeld habe ich gelernt, dass Innovation nur dann wächst, wenn Rahmenbedingungen stimmen: bei Finanzierung, Regulierung, Skalierung und Planungssicherheit.
Das prägt meinen Blick auf Wirtschaftspolitik bis heute. Ich denke sehr stark vom Umsetzungsweg her, nicht nur vom politischen Anspruch. Und ich bin überzeugt, dass Wettbewerbsfähigkeit im 21. Jahrhundert ohne Klimaneutralität nicht zu haben ist.

Was kann Politik aus Ihrer Sicht konkret von Start-ups lernen?

Politik kann von Start-ups vor allem drei Dinge lernen: schneller entscheiden, konsequenter evaluieren und Fehler nicht verwalten, sondern korrigieren. Start-ups arbeiten oft mit einer klaren Lernkultur, während Politik zu häufig in Zuständigkeitsfragen und Symbolpolitik steckenbleibt.
Dazu kommt: Start-ups denken kundennah und lösungsorientiert. Genau diese Haltung braucht auch der Staat, wenn er Verfahren vereinfachen, Genehmigungen beschleunigen und innovative Geschäftsmodelle nicht ausbremsen will.

Wo sehen Sie derzeit die größten Versäumnisse der Bundesregierung?

Das größte Versäumnis ist aus meiner Sicht die fehlende wirtschaftspolitische Klarheit. Die Bundesregierung sendet zu oft widersprüchliche Signale, statt einen verlässlichen Pfad für Investitionen, Energie, Industrie und Innovation zu setzen.
Hinzu kommt, dass Zukunftsbereiche unterfinanziert bleiben oder falsch priorisiert werden: Beim Klimaschutz, bei Wasserstoff, bei der Modernisierung der Infrastruktur und bei der Förderung von Innovationen fehlt es an Konsequenz.

©Stefan Zeitz/WPCD

„Beim Klimaschutz, bei Wasserstoff, bei der Modernisierung der Infrastruktur und bei der Förderung von Innovationen fehlt es an Konsequenz.“

Der Bundeshaushalt 2026 setzt erneut auf hohe Investitionen und erhebliche Kreditaufnahmen. Wo sehen Sie den größten wirtschaftspolitische Fehlanreiz und warum?

Der größte Fehlanreiz ist aus meiner Sicht, dass mit sehr viel Geld zwar Ausgaben steigen, aber nicht automatisch die Zukunftsfähigkeit wächst. Wenn Investitionen aus Sondervermögen nicht tatsächlich zusätzlich wirken, sondern in Teilen andere Ausgaben ersetzen oder in fossile Strukturen laufen, entsteht keine echte Transformation.
Besonders problematisch ist für mich, dass Mittel nicht dort ankommen, wo sie langfristig Produktivität, Klimaschutz und Resilienz stärken würden — also bei Netzen, Schienen, Digitalisierung, Bildung und Innovation.

Viele Unternehmen vermissen spürbare Entlastungen. Wo würden Sie ansetzen, um Großunternehmen und Mittelstand gleichermaßen zu stärken?

Ich würde bei zwei Dingen ansetzen: erstens bei spürbar weniger Bürokratie und schnelleren Verfahren, zweitens bei besseren Investitionsbedingungen. Mittelstand und Großunternehmen brauchen gleichermaßen Planungssicherheit, bezahlbare Energie, funktionierende Netze und einen Staat, der nicht ständig neue Unsicherheit erzeugt.
Für den Mittelstand ist besonders wichtig, dass Genehmigungen, Berichtspflichten und Förderzugänge einfacher werden. Für große Unternehmen braucht es zusätzlich verlässliche industriepolitische Leitplanken und eine europäisch anschlussfähige Standortstrategie.

Der WPCD versteht sich als Dialogforum zur Sozialen Marktwirtschaft. Wo sollte sich der Staat aus Ihrer Sicht stärker zurücknehmen und wo sollte er gerade jetzt aktiver werden?

Der Staat sollte sich dort zurücknehmen, wo er Prozesse unnötig verkompliziert, Mikromanagement betreibt oder Innovationen durch zu viele Hürden bremst. Gerade bei Genehmigungen, digitalen Verwaltungswegen und der Entlastung von unnötiger Berichtslast ist weniger Reibung oft mehr Wirkung.
Aktiver werden sollte er dort, wo Märkte allein nicht schnell genug liefern: bei Infrastruktur, Stromnetzen, Industrie-Transformation, Kapitalmobilisierung für Start-ups und beim Schutz strategischer europäischer Interessen.
Soziale Marktwirtschaft heißt für mich nicht Staat gegen Markt, sondern ein handlungsfähiger Staat, der fairen Wettbewerb ermöglicht und Zukunftsinvestitionen absichert.

Was gibt Ihnen trotz der wirtschaftspolitischen Herausforderungen aktuell Zuversicht für den Wirtschaftsstandort Deutschland?

Zuversicht gibt mir, dass Deutschland enorme Stärken hat: exzellente Unternehmen, leistungsfähige Forschung, einen starken Mittelstand, gute Fachkräfte und eine immer breitere Innovationsszene in Klima-, Energie- und Digitalwirtschaft.
Ich sehe auch, dass viele Unternehmen längst bereit sind zu investieren, wenn die Politik endlich Verlässlichkeit liefert. Genau darin liegt für mich die Chance: Wenn wir Planungs- und Investitionssicherheit schaffen, kann Deutschland wirtschaftlich und industriell sehr viel stärker aus dieser Phase hervorgehen.

 

Über Julian Joswig

Julian Joswig ist seit 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages für Bündnis 90/Die Grünen, dort Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie sowie Obmann der Grünen Bundestagsfraktion für die Angelegenheiten der Europäischen Union. Geboren 1993 in Boppard, studierte er internationale Betriebswirtschaftslehre an der WHU in Vallendar sowie in einem Doppelmasterprogramm an der Universität Bocconi in Mailand und der Sciences Po in Paris. Vor seinem Mandat war er unter anderem in der Unternehmensberatung sowie bei Klimatechnologie‑Start‑ups tätig.

Im Rahmen des „Wirtschaftspolitischen Lunch“ am 6. Mai des WPCD bilanzierte Julian Joswig in seinem Impulsvortrag die aktuelle Wirtschaftspolitik aus Sicht der Opposition und sprach über Investitionen, Bürokratieabbau sowie die zunehmenden geopolitischen Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Hier geht’s zum Rückblick der Veranstaltung.

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Kontakt  

 

Wirtschaftspolitischer Club Deutschland e.V.

Reinhardtstraße 33
10117 Berlin
Telefon +49 30 9210 4635

E-Mail: geschaeftsstelle@wpcd.de

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